BILD: Hermeneutik und Macht Artikel von Hannes Oberlindober, 1. April 2003

Hermeneutik und Macht

» In einem Spiegelartikel der ersten Märzausgabe diesen Jahres werden Experimente an Physis und Psyche von Soldaten geschildert, mit denen ihre Leistungsfähigkeit, ihre Leidensfähigkeit und ihre Aggressivität gesteigert werden sollen.

Dabei werden bis zu parapsychologischen Experimenten und Gehirnoperationen sämtliche Register gezogen. Dieser Ansatz (trefflich übertragbar auf die Bereiche Leistungssport und Arbeitswelt) ist nicht neu: legendär war das us-amerikanische "MK Ultra"-Projekt, bei dem durch Verfahren der Gehirnwäsche und Anwendung von Psychopharmaka menschliche Tötungsmaschinen erzeugt werden sollten. Einer typischen Tendenz der amerikanischen Filmindustrie folgend werden diese als ungesühnte Sündenfälle erachteten Produkte der Geheimdienste, die so geheim sind, dass selbst die Regierung nichts von Ihnen weiß mythologischer Stoff: der Film "Fletchers Visionen" mit Mel Gibson in der Hauptrolle erzählt die Geschichte eines MK-Ultra-Opfers, der in seiner Alltagswelt als `Taxi Driver`- eine Anspielung auf einen anderen Kriegstraumatisierten des Films, Travis aus `Taxi Driver` - von den realen Hintergründen seiner paranoiden Wahnvorstellungen eingeholt wird. Das dramaturgische Strickmuster ist einfach: man nehme Verschwörungstheorien und frage, " was wäre wenn?".

Im Kontext der uns hier interessieren soll, geht es nicht um die Verifizierung/Falsifizierung der Verschwörungstheorie, sondern um die Gründe, aus denen Fletcher in der Dramaturgie des Filmes zur Zielscheibe der Urheber des "MK-Ultra"-Programmes gerät (eigentlich ist davon auszugehen, dass allgemein seine Visionen der verborgenen Zusammenhänge zwischen Erdbeben und amerikanischem Imperialismus als Spinnerei angesehen werden) und die Gründe, einen mental destabilisierten Paranoiker als Sympathiefigur zu inszenieren.

Was haben diese Fragen mit dem Thema "Hermeneutik" zu tun? Was hat das Thema "MK Ultra" mit Hermeneutik zu tun?

In beiden Fällen - Film und geheimes Projekt - geht es um den Zusammenhang von Macht, Herrschaft und Deutungshoheit. Psychische Manipulationen der Wahrnehmung und physiologische Manipulationen, die einen programmatischen Effekt darauf haben sollen, wie das Subjekt der Manipulation Welt wahrnimmt, erfährt und in ihr agiert zielen vor allem auf eins: das der Empfänger von Botschaften die vom Sender intendierte Deutung der Botschaft eins zu eins übernimmt und entsprechend agiert. Die Akzeptanz einer normierten Be-Deutung, die als Sendung transferiert wird, wird gekoppelt an den (ebenfalls nicht zu interpretierenden, sondern nur zu befolgenden) Befehl, in einer bestimmten Art und Weise zu agieren.

Immer dann, wenn es um das Thema Medien und Manipulation, Desinformation und Propaganda geht, wenn es um die Gleichschaltung von Massen in Inszenierungen geht, die unabhängig vom Standort des Empfängers nur noch die vom Sender intendierte Perspektive zulassen, handelt es sich um die Aufhebung des hermeneutischen Horizontes von Individuen und damit um die Ausschaltung dessen, was sie als Person distinkt sein lässt. Die Abschaffung der individuellen Perspektive und folglich Interpretation von Text und Welt (wenn man denn meint, dies lasse sich klar trennen) durch Bewahrung der Deutungshoheit bei den Sendern von Botschaften, die entweder die Perspektive aufheben, indem sie unabhängig von deren Standort alle Empfänger in Konzentration auf die gleiche Botschaft versammeln und durch Wiederholung der Botschaften und den Mangel an anderen Botschaften deren Deutungshorizont verengen - oder aber zumindest abweichende Deutungen Einzelner negativ stigmatisieren -, oder aber indem sie durch psychische und physische Programmierung einzelner Adressaten diese Empfänger Ihrer individuellen Deutungshoheit berauben, ist Kern von sozialen Programmen, die der Würde des Einzelnen, der Meinungsfreiheit und dem Stimmrecht, der Pressefreiheit und der Unverwechselbarkeit der Person, kurz den Charakteristika demokratischer Strukturen entgegentreten.

Totalitäre Systeme sind dadurch gekennzeichnet, dass die sinnstiftende Vielfalt individueller Deutungshorizonte, die erst Meinungspluralität, Innovationskraft, kulturelle Entwicklung und demokratische Strukturen hervorbringen für sie eine Bedrohung darstellt. Wenn Hermeneutik heißt, dass die jeweils individuell verschiedenen Positionen des Zur-Welt-Seins der Personen, die bedingt sind durch die Distinktion des Leibes und die daraus resultierenden unterschiedlichen Perspektiven, Deutungshoheiten auf Seiten jeden Empfängers einer Sendung begründen, dann ist es genau dies, was fundamentalistische Glaubensrichtungen und totalitäre Systeme bekämpfen.
Ihnen ist gemeinsam, dass die Deutungshoheit von Welt und von Texten, die Welt repräsentieren, nicht bei den Empfängern, sondern den Sendern liegen soll. Abweichler, die sich eine individuelle Perspektive und Distanz zu den Inszenierungen bewahren, der ihnen Spielraum für abweichende Deutungen lässt, sind der Virus, der die Gegenreaktionen des Systems provoziert.

Kaum eine Frage ist daher so eng mit der Machtfrage gekoppelt wie die Frage: Ist empfängerseitige Hermeneutik angestrebt oder nicht? Oder substituiert totalitäre Didaktik solche Sender/Empfänger-Relationen, die Vielfalt entwickeln, indem die Deutungshoheit bei den Empfängern bleibt und von ihnen wahrgenommen wird?

Kehren wir zu "MK Ultra" und "Fletchers Visionen" zurück.


Die Figur Fletcher entdeckt überall Signifikanten von politisch-sozialen Subtexten, die gegen den Strich der "vorherrschenden Meinung" gebürstet sind. Soweit nichts ungewöhnliches - charakteristisch ist ja auch für den subversiven Paranoiker, der auf Ebenen agiert, die der Verschwörung unterworfen sind, dass er kein Hermeneutiker ist, sondern sich im Besitz der Wahrheit wähnt. Auch der subversive Paranoiker ist intolerant gegenüber abweichenden Deutungen; und jede Deutung behauptet Deviation.

Doch Fletchers Verschwörungstheorien sind nur Nebenprodukte eines Deutungsvorganges, der sich auf seine eigene Geschichte bezieht. Das "Muster", das er zu entdecken sucht ist nicht dasjenige einer generellen Weltverschwörung, sondern er versucht zwischen den Signifikanten verborgener Botschaften und Zusammenhänge hinter den offiziösen Wahrheitsversionen, die `common sense′ sind, seiner eigenen Geschichte auf die Spur zu kommen. Kurz gesagt: er will die Deutungshoheit über sein eigenes Ich gewinnen, weil ihm dämmert, dass ihm genau diese Deutungshoheit genommen wurde. Sein hartnäckiges "Spurensuchen" ist Ausdruck der Ambition, das Programm zu knacken, welches ihn informiert, normiert und sein Handeln entsprechend der Botschaft eines Senders bestimmt hat, der nicht wollte, dass Fletcher anders denkt, wahrnimmt und handelt, als es der Botschaft des Senders und ihrer absolut bestimmenden Bedeutung entspricht.

In den Konflikt um die Deutungshoheit über seine eigene Biographie wird eine Justizbeamtin mit hereingezogen, die sich ihrerseits in einem hermeneutischen Dilemma befindet: Ihr wird eine Deutung der Geschichte Fletchers seitens seines "Programmierers" präsentiert, die kohärent und schlüssig erscheint, während Fletcher selbst immer noch versucht, die Puzzlestücke zusammenzufügen, die zu einer plausiblen Deutung seiner eigenen Geschichte führen. Auf die Substanz der Deutungen muss hier nicht weiter eingegangen werden; schließlich entscheidet sich Justitia in Gestalt Julia Roberts, eher dem hermeneutisch ringenden Fletcher zu vertrauen, als der all zu plausiblen Geschichte seines Programmierers, die Fletcher zur Killermaschine erklärt und eine Legende präsentiert, an der es angeblich nichts zu deuten gibt.

Optimistische Dimension der Dramaturgie: es lebe der Verdacht, es lebe die Skepsis, denn sie eröffnen die Spielräume des Deutens, die es erst erlauben, Eindeutiges zu hinterfragen, Manipulationen, Auslassungen und Unwahrheiten als solche zu entlarven, dies dann mit Mitteln der Empirie. Doch zunächst müssen, um Gerechtigkeit zu schaffen, Deutungen, Einschätzungen, Abwägungen möglich sein, die Deviationen zu den Bedeutungen der Botschaften darstellen, die der Sender 1 zu 1 von den Empfängern geglaubt haben will - in folgender Form: die Absicht des Senders in bezug auf das Denken, Wahrnehmen und Handeln des Empfängers ist die einzige und klar definierte Botschaft, an der es nichts zu deuten gibt.

Fletchers Visionen einer globalen Vortäuschung falscher Tatsachen, eines universalen Betruges, führen ihn letztlich zu dem Komplott und den Urhebern, die ihn um seine eigene Geschichte betrogen haben. Seine nächtlichen Rasereien als Taxifahrer, die Gespräche, in die er seine Fahrgäste verwickelt, sind Versuche, Licht in das Dunkel seines eigenen Universums zu bringen, das Trauma zu offenbaren, das er erahnt, um dessen Kontext er jedoch nicht weiß. Schon dieser Versuch ist ein hermeneutischer Prozess des Abweichens von der eindeutigen Bedeutung, die sein Sender programmierte. Woran er jedoch unter allen Umständen gehindert werden soll ist, dass er im Prozess des Deutens seiner Geschichte wieder selbst die Herrschaft über sich gewinnt, zum Souverän seiner selbst wird.
Sympathieträger ist er als Individuum, das im Ringen um die Deutungshoheit in bezug auf seine eigene Biographie seine eigene Perspektive, seinen eigenen Standort in der Welt, seine eigenen Positionen der Herrschaft über sich zurückgewinnt, vom Getriebenen eines Programmes zur souveränen Person wird. Nicht nur das: sein hermeneutisches Bemühen mündet in die Bereicherung der Welt um Sinn; im pathetisch-lywoodartigen Happy End bricht Frankensteins Geschöpf mit seinem Schöpfer, stirbt als Monster, ersteht als Mensch wieder auf, macht Ungeheuerlichkeiten, Unrecht, Intrigen und Rufmord ein Ende, erhält eine neue Identität und verwandelt Justitias Trauer um einen Toten in die Liebe zu einem Lebenden, indem er schließlich auch das "gutmütige" Tarnungsprogramm, dass ihn schützt um den Preis der Vorspielung seines Todes (erneut eine Inszenierung, die geglaubt werden soll) durch Zeichen seiner lebendigen Präsenz konterkariert, die er unauffällig hinterlässt.

Der grundsätzliche und naive Optimismus des Films manifestiert sich in der Figur eines hermeneutischen Helden. Der Film geht nicht so weit zu behaupten, dass es eine generelle (us-amerikanische) Differenz zweier Welten gibt, deren eine zwar im Zeichen der Meinungsfreiheit des Volkes steht - glaubt, denkt und sagt was ihr wollt - deren andere jedoch, die der politischen Macht, in ihren Handlungen, Vorgehensweisen und Aktionen unbeschränkt ist seitens einer demokratischen Kontrolle, die aus der Pluralität von Deutungen und Meinungen verbindliche Handlungsdirektiven für ihre Repräsentanten destilliert. Es gibt zwar die unheimlichen Schattenlichter von Geheimdiensten, deren Wirken so geheim ist, dass nicht mal ihre Regierungen darum wissen, aber ein gestandener Hermeneutiker (oder auch Journalist, wie im Falle des Watergate-Skandals) vermag nicht nur sich selbst zu behaupten mit seiner Position und Perspektive in Abweichung vom Credo offizieller Verlautbarungen, sondern auch seine Deutungshoheit in wirkungsvolles, politisch-soziales Handeln umzusetzen; mit Unterstützung bis dahin ahnungsloser Regierungsinstitutionen.

Doch der Film inszeniert höchst spannend eine erbitterte Auseinandersetzung um Deutungshoheit, in der die im verborgenen agierenden Sender den Empfänger Ihrer Botschaft programmieren wollen, so dass er ohne Zweifel und Abweichung das Deutungsmuster akzeptiert und in entsprechende Handlungsmuster umsetzt, und in welcher der Empfänger um seine Deutungshoheit kämpft in bezug auf seine eigene Biografie und die Botschaften die er empfängt - so die eigene Position und Perspektive behauptend und erst zu einer souveränen Person mit ihren eigenen, abweichenden Deutungen avancierend.

An Fletcher also sind jene Programmierungen gescheitert, die Ziel der oben kurz angesprochenen Experimente ist. Bei diesen Experimenten - und beim Projekt MK Ultra - ging es um die Aufhebung der Deutungshoheit bei Empfängern und damit um die Produktion reiner Befehls-Empfänger für Sender, deren Botschaften nichts zu deuten übrig lassen sollten.


Gerade in Kriegszeiten geht es nahezu ausschließlich um die Aufhebung je individueller Perspektiven und sich aus ihnen ergebenden Deutungen zugunsten einer Perspektive, die zumindest so viele Individuen versammelt, das Abweichler stigmatisiert und ausgegrenzt werden können, und um Botschaften, deren Deutungshoheit bei den Sendern liegt und von den Empfängern im Sinne dieser Deutungshoheit geglaubt werden sollen.

Als Bewusstsein existiert nur noch das Sendungs-Bewußtsein, das dem Empfängerbewusstsein nur den Glauben, aber nicht die hermeneutische Deviation zugesteht, in dem sein spezifisches Selbst-Bewußtsein zur Geltung kommt. Dies ist im Sinne der Kriegslogik begründbar durch dieselbe behauptete Notwendigkeit des geschlossenen Zusammenstehens und der unerschütterlichen Front, die Sanktionen gegen Defätisten und Deserteure begründet. Und ist nicht in Zeiten der von elektronischen Medien und Informations- und Kommunikationstechnologie geprägten militärischen Konflikte ("Information warfare") gerade weil jede Äußerung eines Individuums Eingang finden kann in die auch vom Feind überwachte Telekommunikation jede geäußerte Deviation bereits eine Art Verbrechen? Wenn dies gilt, dann schon im Stadium der Kriegsdrohung, wo es ja darum geht die Fronten zu schließen; da ist dann jede hermeneutische Selbstbehauptung ein Sabotageakt. Anders ausgedrückt: wenn ein Sendungsbewusstsein eine Dominanz herstellen will, die den Empfängern jeden hermeneutischen Horizont untersagt, dann sollte sie den Krieg suchen oder aber zumindest eine permanente Kriegs- oder Terrordrohung behaupten.

Vor diesem Hintergrund analysiert Emanuell Todd in seinem (die Hermeneutik lebt!) viel diskutierten Buch "USA - Nachruf auf eine Weltmacht" den derzeitigen Kriegskurs der USA gegen ein militärisch und wirtschaftlich unbedeutendes Land wie den Irak als mehr oder minder durchsichtige Strategie einer im Niedergang befindlichen Weltmacht, durch die Behauptung globaler Bedrohungen (Kampf gegen Terror, Kampf gegen die Achse des Bösen) Fronten zu klären und im Eigensinn zu stabilisieren. Die Botschaft "Die Welt braucht die Weltmacht USA" soll geglaubt werden, gerade weil sie ganz und gar nicht mehr zutrifft; schon das Aussuchen von kaum verteidigungsfähigen Kriegsgegnern und deren Aufblähen zu totalitären Bedrohungen, denen nur die USA mit Entschlossenheit begegne spreche eher für den Verlust an militärischer und sonstiger Macht. Das Handelsdefizit der USA lasse die Befriedigung des Konsums in den USA nur noch durch einen Raubbau der Ressourcen bei Verbündeten und Alliierten zu, die dies nur zulassen, solange die USA erfolgreich ihre Notwendigkeit als militärischer Pate behaupten könne, wovon seit dem Niedergang der Sowjetunion nicht mehr die Rede sein könne. Im Gegenteil führe die wirtschaftliche Emanzipation der Europäer (die EU als einheitlicher Währungsraum) und Russlands dazu, dass die USA weder als Handelspartner, noch als Weltpolizist gebraucht würden, denn die ehemaligen Systemfeinde böten sich nun als Handelspartner an.

Todd geht noch weiter, indem er - in einer gewissen Anlehnung an die von Fukoyama in "Das Ende der Geschichte" vertretenen Ansichten - die These vertritt, dass infolge der zunehmenden Alphabetisierung sämtlicher Länder und des Trends zur Konsolidierung der Geburtenraten auch in Ländern jenseits der wohlständigen, westlichen Zivilisation der Bildungsgrad dort ebenso zunehme, wie der wirtschaftliche Ertrag und damit nicht nur die wirtschaftliche Dominanz der Supermacht USA sich weltweit minimiere, sondern auch die Dominanz ihres Sendungsbewusstseins (und im übrigen auch der Dominanz und des Sendungsbewusstseins anderer Mächte, Ideologien und totalitärer Autoritäten). Geht man davon aus, dass derartige Tendenzen sich subsidiar herunterbrechen bis auf die Ebene der Individuen, so müsste die Hochzeit der Hermeneutik weltweit heraufdämmern, weil Bildungsstand und Wohlstand schließlich jedem Menschen den Spielraum seiner hermeneutischen Deviationen eröffnen und erweitern.

Es soll hier nicht darum gehen, die These des Niedergangs der Supermacht USA und Todds Szenarien der weiteren geostrategischen Entwicklungen zu bewerten, sondern im Zusammenhang mit Fragen der Hermeneutik und der Macht die Rolle der beiden Parameter einmal näher zu betrachten, die Todd in den Mittelpunkt seiner Argumentation setzt.

- Sprachkompetenz
- Geburtenkontrolle

Um diese beiden zentralen Begriffe herum baut Todd seine Argumentation auf. Sie scheint schlüssig, wenn man davon ausgeht, dass ein Bremsen der Bevölkerungsexplosion und eine Hebung des Bildungsstandards miteinander korrespondieren, insofern eine geringere Bevölkerungsdichte eine bessere Verteilung von ökonomischen Ressourcen und Bildung ermöglichen. Der wachsende Lebensstandard und Bildungsstandard eröffnen dann die hermeneutischen Spielräume der Individuen, die dann wiederum umgemünzt werden in gesellschaftliche und ökonomische Innovationskraft auf der Basis einer das wirtschaftliche und kulturelle Leben anreichernden Meinungspluralität. So weit, so gut - doch Todd geht davon aus, dass die Relevanz der Beherrschung der alphabetischen Sprachen und der, nennen wir es Selbstbeherrschung der Körper, die, wenn für Ihr Wohlergehen gesorgt ist, Träger der distinkten, hermeneutischen Existenz selbstbewusster Empfänger sind, linear bleibt.

Vor dem Hintergrund der einleitenden Anmerkungen zur Manipulierbarkeit von Physis und Psyche der Individuen durch spezielle Weisen Ihrer `Informierung′ ist diese Annahme jedoch fraglich. Denn sie geht von der Voraussetzung aus, dass die Auseinandersetzungen um Deutungshoheit über das Medium der alphabetischen Sprache ausgetragen werden und dass menschliche Körper als Verankerung der leiblichen Existenz der Person in distinkten Positionen mit distinkten Perspektiven zur Welt ihre Resistenz gegen eine totale Programmierung durch Sender bewahren werden.

Es genügen jedoch zwei Entwicklungen, die eigentlich eine sind, um das hermeneutische Potential zu reduzieren, das auf Bildung und der Souveränität von Körpern beruht, die nicht mehr durch Armut und Krankheitsanfälligkeit in ihrer Souveränität beschränkt sind und auch aufgrund ihres Bildungsstandes nicht mehr darauf angewiesen sind zu glauben, was das Sendungs-Bewußtsein glauben machen will.

Die eine Entwicklung besteht im Abbau der Relevanz alphabetischer Sprachen, die andere Entwicklung besteht darin, insgesamt das Beharrungsvermögen physischen Seins, insbesondere aber der leiblichen Konstante der Individuen aufzuheben, indem die Körper transformiert werden in Programme, die komplett nur noch exekutieren, was das Programm des Senders vorgibt. Dabei gilt dass die Herrschaft über den Leib und das Bewusstsein, das geprägt ist von distinkten Wahrnehmungen und Perspektiven, die sich aus der selbstbestimmten Position des Leibes ergeben, dann unbegrenzt ist, wenn der oder die Sender Position und Perspektiven des Empfängers bestimmen können. Das können Sie unbeschränkt dann, wenn dem kein Trägheits- und Beharrungsmoment entgegensteht, wenn die Körper selbst ohne Masse, damit ohne Widerstand, ohne Eigenständigkeit sind. Die Transformation der Körper in Informationen ohne massive Träger und ohne Begrenzung durch widerständige Konturen würde alle Fragen hinsichtlich Geburtenkontrolle ebenso zur Bedeutungslosigkeit verurteilen, wie in Ermangelung eigener Standorte der Empfänger noch hermeneutische Horizonte existierten.

In diesem Horizont fließen die beiden skizzierten Entwicklungslinien zusammen: denn die totale Virtualisierung des Physischen (nicht nur der Körper, sondern auch der Waren) lässt sich nicht durch alphabetische Sprachen realisieren. Es bedarf anderer "Programmsprachen" um dies zu erreichen - und deren Beherrschung und die Konsequenzen aus dieser Beherrschung verlagern die wirkungsmächtige Deutungshoheit der Texte auf andere Sprachebenen, als die irrelevant werdende alphabetische Ebene.

Wozu aber die alphabetische Sprachkompetenz dient, ist der Überzeugungskraft in Hinsicht auf die Empfänger der durch elektronische Massenmedien transportierten Botschaften: noch, muss man sagen, zeigen Filme wie "Fletchers Visionen", dass auch unter den Sendern von Botschaften ausgewiesene Hermeneutiker existieren, die ihr subversives Unwesen gegen die totale Deutungshoheit von Sendebewußtseinen treiben.

Aber: Programmierungen des physischen und psychischen Seins im Sinne von "MK Ultra" - das zeigt ja "Fletchers Visionen" - sind altmodisch und überkommen, weil unzuverlässig und weil der Leib als Dualität von Physischem und Psychischem immer noch auf sich beharrt.

Die biblische Todsünde der Trägheit (der Massenträgheit) ist Garant des hermeneutischen Horizontes, und damit jeder Meinungsvielfalt, jeder pluralen Gesellschaft, jeden kulturellen Reichtums, jeder demokratischen Kontrolle.

Zweierlei müsste also geschehen in Hinsicht auf das Ende der Hermeneutik und die totale didaktische Macht eines Sendungsbewusstseins: es gilt, das physische Dasein mit der alphabetischen und symbolischen (Bild-)Sprache zu denunzieren, und Sprachen zu konzipieren, deren Schrift (Programmcode) nur von den Sendern beherrscht wird und deren Übersetzung für die unwissenden Empfänger nichts zu deuten lässt, wenn nicht sogar die Botschaft ihre Empfänger übersetzt in die Deutung des Senders. Du bist Soldat, hieß es - und er war Soldat.

Um Massenpublika für solche Denunziationen empfänglich zu machen bedarf es der massenhaften Verbreitung von eschatologischen Botschaften der Überwindung des Körpers. Dazu muß das physische Sein auf diesem Planeten unbedingt als beängstigend deklariert werden - gleichzeitig jedoch müssen einem säkularen Publikum Vorverlagerungen des "süßen Jenseits" (des Paradieses) in ein Diesseits ohne die Mühen, Versehrbarkeiten, Leiden und Ängste des endlichen, körperlichen Seins in Aussicht gestellt werden. Dies in alphabetischer- und Bildsprache über audiovisuelle Kanäle, aber schon mit Bezug auf die Wirkungsmacht anderer Sprachen, deren Verwendung durch Hohepriester mit der Deutungshoheit dieser Sprachen die programmgemäße Auflösung des physischen Seins der Empfänger durch reinen Zuspruch des Senders an den Empfänger bewirkt; der freilich muss bis es so weit ist dran glauben und auf seine eigene Perspektive und Position zugunsten eines totalen Heilsversprechens verzichten - und damit auf das, was ihn als Person ausmacht, seinen hermeneutischen Horizont.

Das Versprechen ist klar, ebenso wie die Bedrohungsszenarien, welche die Attraktivität eschatologischer Versprechen begründen; aber um welche Sprachen geht es, die der alphabetischen Sprache den Rang ablaufen, indem der reine Zuspruch (der Akt der In-Formation) den Empfänger programmgemäß transformiert entsprechend der vom Sender vorgegebenen Matrix?

Es sind zwei Sprachen und deren Schnittstellenkonfigurationen:
- die Sprache der Computerprogramme ("What is the matrix"?)
- die Sprache der biologischen Programme (Gen- und Proteincodes)

Diese beiden Sprachen und die Deutungshoheit über sie bestimmen den Progress der drei "magischen" Technologien der programmgemäßen Transformation von Sender/Empfänger-Verhältnissen mit hermeneutischer Deutungshoheit bei den Empfängern zu Sender/Empfänger-Verhältnissen, in denen das Sendebewusstsein im Akt der Adressierung seiner Botschaft an den Empfänger diesen programmgemäß konfiguriert:
- Die Kommunikations- und Informationstechnologie
- die Nanotechnologie
- die Biotechnologie

Klonen, genetische Manipulationen an Körpern, all dies sind Übergangsphänomene: sie setzen an Körpern an, die es zu überwinden gilt. Dass sich dieses Ziel der Überwindung lohnt, dass dies auf bestimmten Wegen zu erreichen ist, an deren Beschreiten uns "Achsen des Bösen" und "Terrornetzwerke" hindern sollen, das ist die frohe, manichäische Botschaft derer, deren Sendungsbewusstsein jedwede hermeneutische Deviation ein Greuel ist - ob die UNO sie vollzieht oder ein Diktator ist dafür nicht ausschlaggebend.


Telekommunikation und Serienkiller


"He′s a lonely, forgotten man - desperately in need to proof that he`s alive" (Text zum Filmplakat von Martin Scorsese′s "Taxi Driver")

Wie beweise ich meine Existenz in Funklöchern? Vermisstenanzeigen der Zukunft werden beim Verschwinden von Botschaften in Vakui der Netzwerke aufgegeben - vermisst: die Anzeige, zu der der Mensch wurde. Gesucht: per Suchprogramm.


Doch bevor es so weit ist, mag es sein, dass der eine oder andere am Leben hängt, oder auch das Leben an ihm. Das sind konservative Gesinnungen, jedenfalls wird dies deren Denunziation sein; konservativ hinsichtlich der Werthaltigkeit von Leben als erotischer Horizont der Berührung, die Erfüllung der Inszenierung von Begegnungen ist. Schlimmer noch: diese Rückwärtsgewandten sind Hermeneutiker, die den Ausgangspunkt und die Triebkraft des Verstehens als Anreicherung von Sinn im unverwechselbaren Ich sehen, dessen leibliche Verfasstheit auf Differenz beharrt. Sie akzeptieren, das Ich ein Anderer ist, aber nur insofern dies der Grund ihres Begehrens ist, auf das sie nicht verzichten wollen. Distanzüberwindung ja, aber nur bis hin zur Berührung der Unverwechselbaren, die in der Aufhebung von Nähe zwar in Kontakt treten, aber weder verschmelzen, noch Ihre Leiber hinter sich lassen, noch Ich und Anderer zu einem Programm werden lassen, das von einem Ort im Datenspeicher aus aufgerufen wird. Diese Nostalgiker heben sich nicht auf in der Dekonstruktion ihrer Komposition zu körperlosen Informationen, sie bestehen auf Trennung und Nähe: damit das Gesicht des Anderen sie in Szene setzt, aber eben nur aus dem Abstand heraus, der Berührung als die Vollendung des Kontaktes zulässt.

Nur: das ist natürlich nicht im Sinne der Aufhebung von Trägheit, Traurigkeit, Geschwindigkeitsbegrenzung und geschlossener Formen, die auf Selbstidentität beharren. Die diskursive Dynamik der kontroversen Deutungen als soziale Sphäre der Hermeneutik (Diskurs ist das Aufbrechen der isolierten hermeneutischen Zirkel in der Relation von Text und Deutung im Dialog der Deutenden) ist für die Nostalgiker der Leibhaftigkeit die Voraussetzung von Leben als Verstehen, Verstehen als Leben in der Begegnung von Ich und Anderen. Und deren Voraussetzung ist die unverwechselbare hermeneutische Trajektorie jedes individuellen, hermeneutischen Zirkels.

Wenn aber das so bliebe, wo kämen wir da hin? Wenn der Akt des Verstehens von Texten vom Standort jedes Rezipienten dem Text Mehrwert hinzufügt, und die Aufhebung von Einsamkeit im diskursiven Prozess wiederum die individuellen Deutungen um eine weitere Wertschöpfung bereichert, dann kann es nie zu jener allumfassenden Speicherung kommen, in der sich schließlich die totale Differenzierung der Welt in alle Informationen und Kombinationen von Informationen als Ideal des Allwissens vollendet; denn solange noch ein "Ich" existiert, dessen Lebenserfahrung und Affirmation, dessen Sinnlichkeit und Begehren im Prozess der Lektüre den Text anreichert, ist noch der allumfassende Datenspeicher immer weniger als das, was seine Deutung hervorbringt.

Daher ist den Programmieren und Exegeten, deren Deutungshoheit nicht in ihrer Fähigkeit der Interpretation begründet ist, sondern im empirischen Wissen um die Bedeutung der Texte begründet ist - sie deuten nur, damit andere das verstehen, was sie verstehen sollen, aber nicht, weil sie damit den Text um Sinn bereichern - das Beharren auf die unverwechselbare leibliche Verfasstheit des Ich ein Greuel.
Umgekehrt: das Ich und das Leben müssen als Knotenpunkte eines hermeneutischen Halmabrettes verschwinden, das in jeder weiteren Lektüre die Grenzen seines Feldes durch Deutung erweitert.

So gelangt man nie ans Ziel des endgültigen, allwissenden Buches.

Die Arbeit von Programmieren und Analytikern mit dem konsequenten Ziel einer totalen Ausdifferenzierung des Seins in Informationen, deren Speicherung in Vollendung die Konfiguration des Allwissens wäre, besteht darin, alles in Empirie zu transformieren - nichts stört da mehr als der Zusammenhang von Lebendigkeit, Deutung und Anreicherung von Sinn, die sich nur in der Deutung der Lebenden vollzieht - dies ad infinito solange gelebt wird.

In der Empirie ist jeder Text - auch das alles umfassende Buch als eschatologisches Omega - imprägniert gegen die hermeneutische Anreicherung. Im Gegenteil: es gibt nur noch den Text und die Empirie als einzigen Weg dahin, ihm in der Analyse gleich zu werden, so dass die Differenz von Text und Rezipient schließlich verschwindet, statt in der Deutung immer weitere Horizonte zu öffnen.

Um das hermeneutische Ich zu eliminieren, ist ihm das Leben und seine Mobilität auszutreiben; es sei denn, sie ist Resultat eines Programms, das die Bewegungen des Ichs als Instrument zur endlichen Aufhebung aller Differenzen im absoluten Datenspeicher entsprechend dem jeweiligen empirischen Entwicklungsgrad optimiert. Ansonsten gilt es, das Ich zu lokalisieren in geschlossenen Räumen, wo man es erfassen und in aller Ruhe erlösen kann; erlösen als Vollendung der Ablösung von Daten, die sich in der Transformation in nicht anderes als gesicherte Daten vollzieht; als Vollendung der auflösenden Funktion der audiovisuellen elektronischen Medien der Telekommunikation.

Das Versprechen: wenn Du Dich auflöst, erlangst Du das Nirwana der Entzückung. Sich auflösen heißt sich aufgeben - als totale Transformation des Ich zur Sendung. Gib alles, und im absoluten Datenspeicher bist Du alles, Verzückung und Schwerelosigkeit, solipsistisches Wohlbefinden und schmerzfreies Glück. Beharrst Du auf Dich, wird es immer das Andere geben, das dieser reinen Ekstase entgegensteht, und den hermeneutischen Zirkel in Gang setzt, der - eben wegen des offenen Horizontes der Deutungen - niemals Erfüllung zulässt.

Die hermeneutischen Romantiker sind auf dem Rückzug; zu schön die Versprechen totaler Erfüllung im Von-Sich-Absehen und schließlich in der Ekstase. Wozu Erleben, Verstehen und Anreicherung, wenn dieser Prozess unendlich ist und damit niemals zur Erfüllung gelangt? Wenn aber dies genau die Bedingtheit des lebendigen Ich ist, das es in den Deutungen Mehrwert schafft in einen offenen Horizont hinein, dass es insofern selbst mehr ist, als die Botschaften, die es deutet, dann doch bitte schön weg damit, ins genaue Gegenteil hinein. Die Erfüllung des Ichs ereignet sich im Schwarm, dessen Vollendung darin besteht, wenn seine einzelnen Elemente nichtig sind und eben nur in der Bedeutungslosigkeit der Differenzen der Individuen die Form und ihre Konfiguration zur alles erlösenden Perfektion gelangen.

"Larger than life" ist schon jetzt das plakative Versprechen von Inszenierungen in Medien der Telekommunikation. Um wie in jenem Video von A-HA meine leibliche Existenz hinter mir zu lassen um endlich jenseits der telekommunikativen Schnittstelle entsprechend eines Programms rekonfiguriert wieder aufzutauchen, das nichts mehr zu wünschen und also nichts mehr zu deuten übrig lässt, muss ich mich immer in der Nähe dieser Schnittstelle aufhalten, damit sie mich fokussieren, erfassen, und transformieren kann. Nichts da mit Spazierengehen und in Landschaften kreuz und quer lustwandeln (und Sex bitte nur beim Fernsehen und gleichzotigen Mobiltelefonieren, denn Zote bringt Quote))- nein, damit auch das Endgerät der audiovisuellen Telekommunikation als "Auge" der programmierten, körperlosen Welt mir Aufmerksamkeit widmet, was es nur dann tut, wenn die Aufmerksamkeit die es mir widmet eine Botschaft zu generieren vermag, die als Sendeprogramm nennenswerte Einschaltquoten verspricht, habe ich mich im geschlossen Orbit des Sendekreises des auf mich gerichteten Endgerätes aufzuhalten. Ich darf nichts verpassen, damit ich darüber informiert bin, was ich tun müsste, um selbst jenseits der Schnittstelle repräsentiert zu sein - und was ich tun muss, ist zu kandidieren für Inszenierungen, deren Kulissen den geschlossenen Raum repräsentieren, den die Sendung schon um mich schließt, wenn ich ihr individueller Adressat in einem Schwarm gleich gerichteter Adressaten bin, die sich auf die selbe Inszenierung von Abwesenden fokussieren. Es entsteht ein geschlossener Raum aus geschlossenen Räumen, der Sendekreis, der all jene Fernsehzimmer umfasst, in denen Adressaten zugeschaltet sind.

Wenn meine Kontaktaufnahme via Internet und Telefon als Nadelöhr ausgerechnet mich zu jenem Spermium avancieren lassen, das in die Gebärmutter des Programms - des Ortes der Sendung - vordringt, befinde ich mich wieder in einem geschlossenen Raum, dessen Schließung die Hermetik meines Fernsehzimmers repräsentiert; nur dass ich dann inszeniertes Objekt der Aufmerksamkeit in der Monade und im Orbit des Sendekreises bin. Meine Transformation ist einen Schritt weiter gediehen - ich bin schon im Fernseher.

Dort wiederum bin ich Bestandteil einer Botschaft, deren Subtext programmiert ist: ein Quellcode dieses Subtextes konfiguriert die Botschaft, das im Fernsehen zu sein und Objekt der Aufmerksamkeit der Medien ebenso zu sein, wie Objekt der Aufmerksamkeit der Zugeschalteten im Orbit der Sendung (und nur unter dieser Voraussetzung werde ich zum Objekt der Aufmerksamkeit) nur gelingt, wenn ich mich auch dort auf Monaden einlasse, auf eine Abkoppelung von der Außenwelt, die am Ort der Sendung die Abkoppelung der Außenwelt doppelt, auf die ich mich schon als Zuschauer einlasse.

Dies ist die Botschaft von Sendeformaten wie "Wer wird Millionär", "Big Brother" und "Deutschland sucht den Superstar": die Aufmerksamkeit des Mediums und der Adressaten seiner Sendung in Ihrer Wechselwirkung ist nur zu erlangen, wenn mein Seinszustand als Zuschauer und als Objekt der Aufmerksamkeit im Fernseher derjenige der Abkoppelung von offenen Räumen, von jedweder Außenwelt schlechthin ist, ich voll und ganz der fensterlosen Innenwelt hingegeben bin, deren konstituierende Elemente die Adressaten in geschlossenen Räumen innerhalb des Sendegebietes, die Endgeräte in den geschlossenen Räumen, der geschlossene Raum der Inszenierung und die Kameras sind, die mich auf Sendung bringen.

Zu noch etwas muss ich bereit sein: dazu, zu schwärmen.

Ist die Hermeneutik die Sphäre des Ich als Ursprung der Bereicherung von Texten und damit der Aufwertung des Individuums in Differenz zu anderen Individuen, deren diskursiver Austausch die nächste Ebene der Bereicherung ist, so ist im Schwarm das Individuum bedeutungs- weil deutungslos. Im Schwarm folgt das Individuum ohne jede Deutung von Zeichen in identischer Weise demselben Programm, das die Form und Ausrichtung des Schwarms definiert. Unterschiede der Individuen sind reduziert auf die programmatisch vorgegebene Distanz der den Schwarm konfigurierenden Individuen. Fügt das Individuum dem Programm, das den Schwarm definiert etwas vom Programm Abweichendes hinzu (nur das ist einwandfreies Programm zu nennen, was keine Deutungen zulässt), so sprengt es den Schwarm - Hermeneutik und Schwarm schließen sich gegenseitig aus. Dementsprechend fällt es Schwärmen desto schwerer ihre Form zu wahren, je geringer die Anzahl der sie konfigurierenden Elemente ist - denn umso mehr fällt abweichendes Verhalten ins Gewicht. Umgekehrt: je größer der Schwarm, desto leichter kompensiert er abweichendes Verhalten und Verluste. Der Schwarm leugnet das Leben des Einzelnen, indem es seinen Tod bedeutungslos macht. Der Schwarm und nicht das Individuum lebt; es sei denn es setzt sich in Differenz zum Schwarm, dann lebt es und wird zur Bedrohung. Das ist schließlich auch der Grund, warum die Gläubigen den Ungläubigen verteufeln - sein Abweichen sprengt das Programm, das nur funktioniert, wenn gefolgt und nicht gedeutet wird.

Was wäre das schwärmende Ich? Es wäre selbst ein Schwarm in Schwärmen mit folgender Gemeinsamkeit und folgenden Differenzschemata:
- jedes Ich gehört vielen Schwärmen an, deren Gemeinsamkeit in einer programmgemäßen Ausrichtung auf das Endgerät der Medien, auf die dort zu empfangenen Sendungen und die in Ihnen inszenierten medialen Repräsentationen von fernliegenden Begebenheiten und Personen besteht.
- dieses Ich schwärmt unbegrenzt, aber immer in Schwärmen nennenswerter Größe, anderenfalls wird die Sendung abgesetzt und das Ich konfiguriert sich in anderen Schwärmen für andere Sendeangebot
- jedes Ich gehört unterschiedlichen Schwärmen an und ist nur noch insofern von anderen Ichs zu unterscheiden
- das schwärmende Ich akzeptiert die Sendung, die repräsentierten Ereignisse und Personen als das was ihm Bedeutung gibt und dem es durch eigene Deutung nichts hinzuzufügen mag. Es ist weniger als das, was es zum Schwärmen bringt
- Die leibliche Verfasstheit des Ich gerät in den Hintergrund, da sie nur mehr Voraussetzung ist, schwärmen zu können, aber selbst keine Eigenschaften hat, die seine Existenz über das Schwärmen hinaus bereichern
- das schwärmende Ich will sich vergessen, nicht deuten. Insofern will es nicht leben, sondern aufgehen in einer Bestimmung, die programmgemäß erfolgt. Die Inszenierungen und deren Repräsentationen sind das, worin das lebendige Ich sich auflösen will

- es will "umschwärmen" und das kann es nicht als Körper. Vorläufig bleibt nur die Aufmerksamkeit auf das "Gateway" zu jenen Sphären jenseits der Schnittstelle von Sender und Empfänger, wo reine Entrückung wäre. Mag der Körper ruhig im Fernsehsessel zurückbleiben; wäre man selbst astraler Set von Daten, gelänge man durchs Nadelöhr des Endgerätes in eine Welt, in der man körperlos und reine Ekstase wäre - man könnte ausschwärmen.

Ein solches Ich, die Dimension des Begehrens nur darauf ausgerichtet, weniger zu sein als es selbst indem es sich zu Datenmengen exorzieren lässt, die sich verschiedenen Schwärmen mit Affinitäten zu unterschiedlichen Inszenierungen zuordnen, hat keine Position mehr, die als Differenz von sich und Anderem erst Selbstbewusstsein und Konturen eines Ich begründen. Das Profil seiner Distanzlosigkeit ergibt sich aus seiner Zugehörigkeit zu Schwärmen, deren Bestandteile jede Distanz zur körperlosen Welt jenseits der Schnittstellen an den audiovisuellen Endgeräten aufzugeben bereit sind - und dadurch den Schwärmen jene identifizierbare Form geben, die sie als Zielgruppen für Botschaften kenntlich machen, die den Schwarm um weitere Elemente totaler Subordination bereichern sollen.

Aber - noch ist es nicht so weit. Der Prozess ist nur so weit fortgeschritten, das wir noch Zwitter zwischen Wesen sind, die total ins Schwärmen geraten und Menschen, die an ihrem Leben hängen oder das Leben an Ihnen. Doch die Hermeneutiker werden einsam: und je mehr Andere verschwinden in der Gleichförmigkeit der Schwärme (in der Matrix), desto geringer wird die diskursive Reichhaltigkeit, die aus den Kontroversen über um meine Deutungen angereicherte Texte ein soziales Miteinander generieren, das seine Werthaltigkeit ja aus der Entfaltung individueller Deutungsdifferenzen schöpft, die wiederum einen sinnreicheren Text generieren, der unterschiedlich gedeutet wird etc. Für diesen Prozess sind individuelle Positionen unabdingbar, die sich auf der jeweils einmaligen Verfasstheit des Menschen als lebendiger Leib mit einem unverwechselbaren Standort in der Welt gründen. Das schwärmende Ich hat eben keinen Standort mehr in Differenz zu Anderen - es umschwärmt in Schwärmen, in denen es sich von den Anderen im Schwarm eben nicht unterscheidet, die alle dasselbe wollen; ausschwärmen zum Ort der Inszenierung, die diesem Schwarm seine Keilform und seine gesamte Formation verleiht.

Wir verlieren etwas, und das ist das Leben, das sich in Differenzen anreichert, in denen die Prozesse des Verstehens und die Erlebnisse des Kontaktes auf der diskursiven Ebene zusammengeführt werden. Sein ist Erotik, und die bedarf der Differenz und des Interesses, des Diskurses und der Berührung.

Aber - leben wir noch?

Diese bange, rückwärtsgewandte Frage wird zu unserem Unbehagen zunehmend schwieriger zu beantworten. Gut, dass es den Serienkiller als mythologische Figur gibt. Indem er tötet schafft er Indizien dafür, das in den Menschen noch Leben ist. Indem er in Serie tötet, verdichtet sich sein Agieren zu einer Botschaft, die als Bruch der glatten Inszenierungen im multimedialen Orbit die Aufnahmebereitschaft der Medien erzeugt, die durch die Prognose einer schwärmerischen Fokussierung der Zuschaltenden auf die mediale Aufbereitung dieser Botschaft motiviert ist. Indem er in Serie nach einem bestimmten Programm tötet, kitzelt er die Hermeneutiker, die seine tödliche Handschrift interpretieren. Indem er der telekommunikationsgestützten Rasterfahndung entschlüpft, verweist er auf die Lückenhaftigkeit deren Geflechtes, und indem er in diesen Lücken agiert konstituiert er Bedeutung zwischen der 0 und der 1, die das duale, empirische Gerüst eines zu Daten transformierten Seins bilden: Das ist der Mut zur Lücke.

Er agiert zwischen den Zeilen und um ihn zu verstehen gilt es, zwischen den Zeilen die Spuren zu lesen und zu deuten, die er hinterlässt (auch das Vakuum ist eine Spur, wenn sie in Formationen - wie z.b. in Schrift - konfiguriert, beispielsweie als Botschaft der Abwesenheit des Autors, des Regisseurs, des Malers im Werk)- derart gewinnen wir die Hermeneutik zurück, das Ich, das Leben, den Diskurs, die Anreicherung von Sinn die ohne uns als lebendige Menschen in Differenz hinsichtlich unserer jeweiligen Produktionen von Verstehen sich nicht ereignet.

Zu leben ist zwischen den Zeilen zu lesen. Doch erst muss der Serienkiller unsere Aufmerksamkeit dafür gewinnen, dass noch Leben in uns ist, bevor wir diese Zwischenräume rückerschließen - und nebenbei damit auch das Interesse für die Weisen des Verstehens der Anderen, das erst den Diskurs in Gang setzt.

Weil dies so ist, gelangen Erkenntnisprozesse als Gegenstand von Erzählungen nur noch ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit, wenn sie in das kriminalistische Geschehen rund um die Aktivitäten des Serienkillers eingebunden sind. Erst der Krimi verdeutlicht uns, wie spannend, fesselnd, intensiv und vital der Prozess des Deutens sein kann - und bei jeder guten Story um einen Serienkiller zeitigen die Profiler eine unterschwellige Dankbarkeit dem Täter gegenüber, der sie endlich wieder deuten ließ. Sie entdecken ihn: aber sie hören nicht auf, seine Handschrift zu deuten.

Das gibt Hoffnung.

Dem Protagonisten - und uns, die wir die Affinität des Fahnders und des Täters auf ihren Grund hin zu interpretieren versuchen; und so ein Stück Leben wiedergewinnen als Resultat unseres hermeneutischen Engagements.

Dank dem Serienkiller ist noch nicht entschieden ob unsere Aufgabe in der Totalaufnahme besiegelt wird; vielleicht ist ja sogar so etwas wie Politik noch möglich. «


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